Als Berufspendler werde ich regelmäßig unfreiwillig Zuhörer von Geschichten aus und über Unternehmen. Nicht immer erschließt sich der Sinn eines zwangsweise mitgehörten Telefonats, vor allem wenn das Handy so leise ist, dass ich nur den sichtbaren Sprecher höre. Viele Mitreisende sind zwischenzeitlich jedoch so höflich, auch den Hörer laut genug zu stellen.

Vor ein paar Tagen wurde ich Zeuge der Aufarbeitung dramatischer Vorfälle in einem renommierten Verlagshaus. Aufgrund sinkender Auflagen der Tageszeitung wurde dort offensichtlich „ganz oben“ entschieden, statt zweier digitaler Produktionsstraßen (=Server) nur noch eine zu betreiben, um Kosten zu sparen („man will den Effekt schon im März auf dem Kostenträger sehen“).

Offenbar fiel diese Entscheidung relativ geheim und ohne Würdigung von Nachfolgeeffekten. Soweit ich verstanden habe, hängt dadurch jetzt die Dauer für die Online-Veröffentlichung neuer Meldungen davon ab, wie schnell in der Druckproduktion aufgelaufene Meldungen verarbeitet werden. Zehn Minuten können im Nachrichtengeschäft eine Ewigkeit sein. Es wird noch besser: Die Sportredaktion verfügt offenbar (aus Gründen, die sich aus dem Gespräch nicht erschlossen haben) über eine unabhängige Infrastruktur.

Am Vortag eskalierten diese Prozesse mit dem Effekt, dass die aktuellen Sportergebnisse schneller online waren, als die gesellschaftlich und fürs Click-Baiting relevanteren politischen Inhalte. Eine reizbare Führungskraft ließ sich deshalb zu einer Brand-E-Mail hinreißen („schreibt ihr die Meldungen noch mit dem Füller?“), ohne die Ursachen für die verzögerte Veröffentlichung zu kennen oder ernsthaft zu hinterfragen. Mit der Folge, die Falschen beschuldigt zu haben, sich selbst als ahnungslos zu offenbaren und denen „ganz oben“ für die mangelhafte Abstimmung und Kommunikation der Server-Abschaltung ungewollt ans Bein zu pinkeln. Es hat offenbar mindestens 20 Leute mehrere Stunden Arbeitszeit und etliche davon auch die Nachtruhe gekostet, die Sachlage zu klären sowie alle E-Mails auch an die richtigen Verteiler im cc und bcc weiterzuleiten. Für den Vormittag waren schon Sitzungen anberaumt, um sich weiter zu verständigen.

Beim Aussteigen hatte ich wirklich aufrichtig Mitleid mit meinem Gegenüber. Was bin ich erleichtert, dass mir diese Form von Wahnsinn nur noch anekdotisch begegnet. Es macht Freude, Unternehmen dabei zur Seite zu stehen, die interne Kommunikation und Kultur effizienter zu machen. Agenturleben vs. Konzern – Eins zu Null.

Eins zu Null für Agenturen

mm
Ulrich Kurzawa

ist Überzeugungstäter in Bezug auf Kommunikations-Controlling und hält Kommunikation für die beste Methode, um zu einem Ausgleich von Interessen zu gelangen, ohne sich die Köpfe blutig zu schlagen. E-Mail: u.kurzawa(at)SCRIPT-consult.de

Category: Agenturleben
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