Die selbst ernannten Gotteskrieger des Islamischen Staates (IS) nutzen höchst erfolgreich moderne, digitale Kommunikationskanäle. Erschreckend sind vor allem die Parallelen zum Trendthema Content Marketing. Ihre kommunikative Macht entfaltet die terroristischen Endzeitsekte aber insbesondere über unser freies Mediensystem. Die wirksamsten Gegenmittel sind Sachlichkeit und Humor.

Ein mehrsprachiges Corporate Publishing-Magazin. Eine Serie mit Follow-me-around-Videos, die in ein- bis zweiminütigen Folgen Einblicke in den Alltag vermitteln sollen. Zahlreiche, mit spektakulären Effekten versehene Action-Filme. Dazu ein weitverzweigtes Netzwerk von Sympathisanten auf fast allen populären sozialen Netzwerken, die diese Inhalte teilen und eigene Inhalte nach ähnlicher Machart produzieren sowie täglich Berichte in internationalen Leitmedien. Was nach modernem Content Marketing à la Red Bull klingt, beschreibt die Propaganda der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Es gibt fast nichts aus dem Repertoire moderner Unternehmenskommunikation, das die selbsternannten Gotteskrieger nicht nutzen.

Warum aber ist der IS mit seinen Aktivitäten ungleich erfolgreicher als andere Terroristen? Wie hat es die vergleichsweise junge Gruppierung geschafft, weltweit Aufmerksamkeit zu gewinnen sowie Kämpfer und Unterstützer zu rekrutieren, die bereit sind, für die IS-Ideologie zu töten und zu sterben? Und wie können wir als Publikum mit dieser Propaganda umgehen?

Der Islamische Staat – Eine Terrororganisation des Internet-Zeitalters

Um zu erklären, wie die IS-Propaganda ihre Wirkung entfaltet, ist es wichtig, zu verstehen, dass Terrorismus in erster Linie eine kommunikative Strategie ist. Sein wesentliches Ziel: Aufmerksamkeit gewinnen und die Öffentlichkeit verunsichern. Das gilt auch für die Kommunikation des IS. Ein wesentlicher Unterschied zu älteren Terrororganisationen: der IS viel stärker auf selbst produzierte Medien und Inhalte . Während beispielsweise Al-Qaida mit den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001, in Madrid am 11. März 2004 oder in London am 7. Juli 2005 Ereignisse inszenierte, denen sich die Massenmedien nicht entziehen konnten, ist der IS ein Kind des Internet-Zeitalters. Wie keine andere Terrororganisation nutzt er die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung und die Mechanismen des Social Web, um Inhalte zu produzieren und zu verbreiten.

Brauchte man vor 15 Jahren noch vergleichsweise teure und unhandliche Technik, um Videos und andere digitale Medien zu produzieren und sie mit spektakulären Effekten zu versehen, reichen dazu heute einfache Digitalkameras und ein Computer mit Schnittprogramm. Mit den so produzierten Inhalten, erreicht der IS sein Zielpublikum direkt. Das können weder technische Schranken noch Nachrichtensperren verhindern. Die große Mehrheit der traditionellen Medien veröffentlicht zwar keine Videos von Enthauptungen und anderen Morden. Über Twitter, YouTube und Facebook verbreiten sich die Fotos und Videos dennoch. Ähnlich wie Anbieter pornographischer Inhalte nutzen IS-Anhänger auch das sogenannte Hashtag-Spamming, um ihre Inhalte zu verbreiten. Dabei werden eigene Inhalte mit populären Hashtags „verschlagwortet“ und verschickt. Besonders perfide ist das im Rahmen von Veranstaltungen, die sich explizit gegen die IS-Propaganda richten, wie etwa beim Global Media Forum der Deutschen Welle.

Zwar reagieren die Betreiber der Plattformen inzwischen schnell und blockieren die entsprechenden Inhalte und Nutzer. Bis es aber soweit ist, haben die Bilder ihr Publikum erreicht. Zudem ist es Teil des Geschäftsmodells alternativer Anbieter wie etwa LiveLeak oder Dailymotion, solche Inhalte unzensiert bereitzustellen.

Auch Wissenschaftler widmen sich ausgiebig der unheimlichen Propagandamacht der Terroristen. Das wiederum ist möglich, weil entsprechendes Quellmaterial auf wissenschaftlichen Seiten wie der Terrorism Research Initiative oder bei Jihadology zugänglich ist. Und schließlich tragen auch Texte wie dieser, deren Ziel es ist, die Muster der IS-Propaganda zu entschlüsseln, dazu bei, dass sie sich überhaupt verbreitet. Das ist – hoffentlich – bereits die erste Erkenntnis. Ihre Wirkung verdankt die Propaganda des IS also auch unserem Mediensystem. Darin liegt eine tiefere Ironie. Eine nihilistische Endzeitsekte nutzt eine Infrastruktur, deren Entwicklung wesentlich von der Utopie beflügelt wird, dass sich das Individuum mit Hilfe der Technik gegenüber übergreifenden kollektiven Systemen wie etwa dem Staat oder Unternehmen emanzipieren können, um genau das Gegenteil zu erreichen.

Besonders deutlich wird diese strukturelle Kopplung an der Berichterstattung des Onlinemagazins Vice. Der Reporter Medyan Dairieh verbrachte Mitte 2014 drei Wochen im IS-Gebiet und lieferte erstmals Bilder aus dem Inneren des Terrorregimes. Seine Videoreportage „The Islamic State“ sahen weltweit mehrere Millionen Menschen: Direkt auf der Seite von Vice, auf YouTube und auf Sendern wie RTL2, die das Vice-Material gegen Bezahlung in ihr Programm einbauen.

Die Propagandamacht des IS zeigte sich zuletzt angesichts der Terroranschläge in Paris, Nizza und Berlin. Alle diese Attentatewaren im Vergleich zu denen von Al-Qaida deutlich weniger komplex. Die folgenden Drohungen, etwa gegen das für vier Tage später geplante Fußballländerspiel Deutschland-Niederlande in Hannover, unspezifisch. Die gefühlte Bedrohung war bei einigen Menschen vermutlich dennoch hoch. Dazu trug auch die Aussage des Innenministers Thomas de Maizière bei, der auf Fragen nach Hintergründen zur Absage nicht weiter eingehen wollte und sagte: „Ein Teil der Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Aus IS-Sicht dürften damit kommunikativ alle Ziele bei einem relativ geringen Mitteleinsatz voll erreicht sein.

Propaganda für die Generation YouTube

Nicht nur logistisch, sondern auch ästhetisch orientiert sich der IS an den Erwartungen des durch das Internet geprägten Publikums. Einen Schwerpunkt der Kommunikationsstrategie bilden aufwendig produzierte Filme. Laut einer aktuellen Studie der Quilliam Foundation, einem Thinktank, der von Aussteigern aus der Islamisten-Szene gegründet wurde, veröffentlicht der IS im Schnitt jeden Tag drei Videos. Neben kurzen Filmen von Gefechten, der Zerstörung von Kulturstätten und Morden gibt es auch Dokumentationen in Spielfilmlänge sowie so genannte nashīds: In diesen Musikvideos werden Bilder von Kampfhandlungen und Gewaltakten mit A Capella-Gesang unterlegt.

Strategisch interessant sind bei den IS-Videos neben der Darstellung extremer Gewalt die internationale Ansprache und der Appell an die Zielgruppe, sich selbst zu verwirklichen. Und während sich viele Unternehmen beim Thema Recruiting-Videos schwer tun, gelingt es dem IS fast schon leichthändig ein attraktives „Employer Branding“ für die Generation You Tube umzusetzen. In einem der populärsten nashīds mit dem Titel „Haya al Jihad“ („Lasst uns in den Dschihad ziehen“) singt der deutsche Rapper Dennis Cuspert zu Bildern von Gefechten: „Brüder steht doch auf, holt Euch Euren Sieg!“ Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Webvideoserie „Mujatweets.“ In dieser stellt der IS seine Kämpfer aus unterschiedlichen Staaten vor. Die jungen Männer vermitteln dem Zuschauer in ihrer Muttersprache einen Einblick in ihr – scheinbar erfülltes –  Leben im Islamischen Staat. Mit einer Länge zwischen einer und eineinhalb Minuten sind sie optimal auf die Sehgewohnheiten der Webnutzer zugeschnitten und lassen sich leicht über das Internet verbreiten. Außerdem verzichten sie völlig auf die Darstellung von Gewalt und betonen stattdessen die internationale Solidarität innerhalb des IS. Das Ergebnis: Geschätzt bis zu 20.000 ausländische Kämpfer, viele davon im Westen aufgewachsen, haben sich dem IS angeschlossen.

Abgerundet wird das Medienangebot des IS durch Radioprogramme in Sprachen wie Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Englisch, Französisch und Russisch sowie professionell gemachte PDF-Publikationen und E-Books. Zum „Corporate Publishing“ des IS gehörten bis zum vergangenen Jahr unter anderem das Magazin Dabiq, in dem lange Texte die Überlegenheit des IS betonen und der IS Report, in dem ein Schwerpunkt auf der Berichterstattung über die Institutionen und dem, was sie für die Bevölkerung im Herrschaftsgebiet des IS tun, liegt. Vermutlich als Folge des militärischen Drucks auf die Organisation, hat der IS diese aufwendigen Publikationen eingestellt. Neu im Propaganda-Arsenal ist dagegen die Zeitschrift Rumiyah. Inhaltlich stehen dort nicht mehr ausschweifende ideologische Texte, sondern Aufrufe zur Gewalt an Ungläubigen im Vordergrund. Bemerkenswert ist auch eine Reihe von Publikationen im Stil populärer Reiseführer, in denen künftige Gotteskrieger sowohl Tipps für den Weg in den Dschihad finden, als auch der Ratgeber „How to survive in the west“, der detailliert beschreibt, wie IS-Anhänger sich als künftige Attentäter, sogenannte Schläfer, möglichst unauffällig in die westlichen Gesellschaften integrieren können.

Viele dieser Inhalte und Medien werden laut Charlie Winter, dem Autor der Quilliam-Studie, von drei zentralen Einheiten produziert: Dem Al Hayat Media Center, sowie der al-I’tiṣām und der al-Furqān Foundation. Diese bilden das virtuelle, dezentral organisierte „Medienhaus“ des IS. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Einheiten oder sogar Einzelpersonen, die unabhängig auf lokaler Ebene in verschiedenen Staaten der arabischen Welt agieren. Durch eigene Produktionen und immer wieder neue Zusammenstellungen des vorhandenen Materials und die Verbreitung über eine fast unüberschaubare Zahl von Social Media-Kanälen sorgen diese Satelliten mit dafür, dass der Propagandastrom nicht abreißt. Dem IS ist es damit gelungen ein fast perfektes System für crowd-gesourcten „User Generated Content“ zu etablieren.

Und diese Medien verfehlen ihre Propagandawirkung nicht. Im Gegenteil: Obwohl der Ratgeber „How to survive in the west“ inhaltlich völlig banal ist, baut der FAZ-Redakteur Rainer Hermann seinen Aufmacher im Ressort Politik vom 2. Januar 2016 darauf auf und referiert ausführlich dessen Inhalte, ohne sie kritisch einzuordnen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Hermann damit die Erwartungen eines großen Teils seiner Leser bedient. Vor allem aber bedient er die Propaganda-Absichten der Verfasser des Ratgebers: Wenn es darum geht, die Öffentlichkeit zu verunsichern, ist es völlig unerheblich, ob in westlichen Gesellschaften unentdeckt tausende IS-Schläfer leben oder nicht. Was zählt, ist, dass wir es für möglich halten.

Dem Terror mit Sachlichkeit und Humor begegnen

Genau an diesem Punkt müsste deshalb unser Umgang mit der IS-Propaganda ansetzen. Es ist richtig, dass wir uns vor dem Schrecklichen erschrecken. Wir dürfen uns aber nicht davon beherrschen lassen, sondern müssen der gewalttätigen Erzählung des IS eine Erzählung der Freiheit entgegensetzen. Die vermutlich wirksamsten Gegenmittel dürften deshalb Sachlichkeit und Humor sein, also Dinge, die in den IS-Gebieten systematisch unterdrückt werden. Ein hervorragendes Beispiel für eine sachliche Analyse liefert der Spiegel-Redakteur Christoph Reuter. In seinem Buch „Die schwarze Macht“ blickt er hinter die Kulissen der Propaganda-Fassade. Gestützt auf glaubwürdige Quellen zeigt er unter anderem, dass hinter der zunächst sinnlos erscheinenden Brutalität des IS ein rationales Kalkül ehemaliger irakischer Offiziere steckt. Die extreme Gewalt ist Teil eines Täuschungsmanövers, das die strategischen Absichten der Organisation effektiv verschleiert. Die ist, so wird vermutet, der Aufbau eines eigenen, sunnitisch dominiertes Staatswesen, ähnlich dem Irak unter der Herrschaft von Saddam Hussein.

Überraschende Formen der Auseinandersetzung mit dem Terror finden sich unter anderem in den besonders von der IS-Gewalt betroffenen Gebieten. In Filmen machen Schauspieler die selbst ernannten Gotteskrieger lächerlich. Auch im Internet finden sich immer mehr Initiativen, die sich des ernsten Themas mit Humor annehmen. So kombiniert beispielsweise der mittlerweile leider eingestellte Twitter-Account @isis_karaoke vom IS produzierte Bilder mit Zeilen aus populären Rock- und Popsongs. In Deutschland haben sich unter anderem die Datteltäter, eine junge Comedy-Truppe, auf den Weg gemacht, dem Hass mit Humor zu begegnen. Mit fast 1,4 Millionen Aufrufen der Videos auf ihrem YouTube-Kanal, sind sie dabei recht erfolgreich. Und unter dem Hashtag #allahuquackbar verbreiten Nutzer Bilder, bei denen sie die Köpfe der Terroristen mit Quietsche-Enten ersetzt haben.

Diese Form der Montage ist sinnbildlich. Der eigentliche Kampf gegen den IS ist nämlich ein Kampf um die Köpfe. Erfolgreich ist dabei, wem es gelingt, das Publikum für seine Story zu gewinnen. Das dahinter liegende Prinzip hat der US-Militärwissenschaftler Peter W. Singer unter Anspielung auf zwei populäre Fernsehserien auf folgende Formel gebracht: „The Future of War is Mad Men meets Game of Thrones.“ Es ist also höchste Zeit, bessere Geschichten zu erzählen.

Bildnachweis: oneinchpunch / Shutterstock.com

Terror-Propaganda für die Generation YouTube

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Sascha Stoltenow

Sascha ist Director bei Script Communications in Frankfurt. Die Stories, die ihn am meisten interessieren, schreibt das Leben. E-Mail: s.stoltenow(at)SCRIPT-com.de

Category: Content Strategy
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